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„Das kann man doch wohl erwarten!“ Ein Satz der letztens wieder einmal fiel. Hach ja, die Erwartungen. Ist es überhaupt möglich nichts zu erwarten? Ich glaube nein.

Jedes Wahrnehmen, Handeln und Verhalten ist immer schon Erwartung im Kontext meiner schon gemachten Erfahrungen. Ein keines fiktive Beispiel (das soll keine Ermunterung sein :-):

Ich halte einen kleinen Schwatz mit meinem Kollegen auf dem Gang vor der Türe zu meinem Büro. Ich sage „Bis später“ und drehe mich zu meiner Bürotür. Ohne hinzugucken greife ich nach der metallenen Türklinke. Da zucke ich überrascht zurück. Ich gucke mir angewidert in die Hand: Zahnpasta wurde unter die Klinke geschmiert. Mein Kollege bricht in Gelächter aus. Supersach!

Unbewusste Erwartungen

Aber Spaß beiseite: Was ist da eigentlich passiert? Wieso war ich überrascht? Weil ich es nicht erwartet hatte. Dieses seltsame cremige Gefühl drang voll in mein Bewusstsein, da ich es nicht meinen Erwartungen der metallischen harten Oberfläche entsprach.

Wäre die Zahnpasta nicht da gewesen, hätte ich ich die Türklinke wahrscheinlich gar nicht bewusst wahrgenommen. Ehrlich gesagt, kann ich mich gerade auch nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen Türklinke angefasst habe, obwohl ich es ja gemacht haben muss.1

Ständig bin ich in Erwartungen. Und wenn sie nicht erfüllt werden, bin ich verdutzt oder gar verärgert. Noch eine kleine Anekdote:

Gestern auf dem Flohmarkt. Viele Menschen waren unterwegs. Ich schlendere die ganze Zeit gemütlich dahin, die Massen stören mich nicht. Dann entschließe ich mich zu gehen. Also nehme den Ausgang zielsicher ins Visier und eilte los: „Oh Mann – können die alle nicht schneller gehen?“ Ständig steht mir einer im Weg. Und dann musste ich lachen. Wie paradox, oder? Die ganze Zeit war die Geschwindigkeit der anderen völlig in Ordnung, und auf einmal erwartete ich von Ihnen, dass sie alle schneller gehen! Auf einmal war diese Erwartung einfach da.

Projektleitung und Erwartungen

Die eigenen Erwartungen und die der anderen sind immer ein Thema. Das mag bei einzelnen Worten und Begriffen schon so sein. Man weiß nie genau was der andere wirklich denkt. Aber wenn man, wie bei der Arbeit, zusammen etwas erreichen will, dann spielen Erwartungen auch in der Projektleitung eine große Rolle.

Am Liebsten wäre es mir, wenn ich als Projektleiter Arbeitspakete verteile und dann abwarte, dass alles fertig wird, mir am Ende die Lösung angucke und den Entwicklern sage: „Toll gemacht!“ Dann gehe ich mit der Lösung zum Kunden, der lächelt mich glücklich an und sagt: „Toll gemacht!“

Wenn das so liefe dann könnte ich sicher mindestens 20 Projekte gleichzeitig leiten und nebenher noch tausend andere Sachen machen. Man, wäre das schön :-)

Leider klappt das so nicht und eines der Probleme sind eben die Erwartungen, von denen einem oft nicht mal klar ist, dass man sie hat.

Das Design und der Programmierer

Ein kleines Beispiel ist das Design einer Webseite und die Erwartungen an den Programmierer. Wie entsteht so ein Design? Vereinfacht etwa so: Zuerst möchte man die Funktionalität mit dem Kunden abstimmen und erstellt dazu ganz funktionale Wireframes oder Mockups. Findet der Kunde die in Ordnung, werden die bunten Layouts oder Screendesigns erstellt, die zeigen wie das alles später mal genau aussehen soll. Und damit hat man dann einen guten Bauplan für die Programmierer.

Vom Wireframe zur Webseite

vom Wireframe zur Webseite, von www.wirify.com/about/example-wireframes/

 

Den Plan macht man bestenfalls so genau wie möglich. Aber man kann nicht immer verhindern, dass etwas in den Layouts vergessen wurde, ein Sonderfall auftritt oder es kommt nachträglich eine Seite hinzu, für die es noch kein Layout gibt.

Der Programmierer baut die Änderung pro-aktiv ein und wenn man sie sich dann später anguckt, dann wundert man sich, als hätte man gerade in eine Türklinke voller Zahnpasta gegriffen.

Nicht immer, aber immer wieder mal. Ein vereinfachtes Beispiel: Der Text steht auf allen Seiten des Layouts immer links. Auf der neuen Seite hat ihn der Entwickler rechts eingeordnet. Dann hat ein Text mal eine andere Schriftgröße als sonst überall oder die Abstände stimmen nicht oder ein Rahmen fehlt, der sonst überall zu sehen ist.

Böse Absicht gab es da noch nie und das sind auch alles keine großen Probleme, wenn man sie früh genug bemerkt. Aber das ist eben der Punkt: Ich muss meine Erwartungen so oft es geht mit den Ergebnissen abgleichen und dann in die richtige Richtung lenken…. Vielleicht sollte man Projektleiter eher Projektlenker nennen. Denn das ist es was sie die meiste Zeit machen: die Richtung korrigieren.

Nur: Wieso sehen denn viele Programmierer diese Design-Probleme nicht? Und da fiel der Satz: „Das wird doch wohl erwarten dürfen!“ So oder so ähnlich hat den jeder schon gedacht. Und das wird man wohl auch nie los. Nur, die Sache ist: Man kann es eben nicht einfach erwarten – sonst wäre es ja wahrscheinlich schon so.

Man kann den Programmierer darauf hinweisen, ihn schulen oder auch ermahnen. Aber irgendwann muss man sich fragen, ob sich der Aufwand wirklich lohnt. Andersherum werde ich auch nicht aus jedem Grafiker einen guten Programmierer machen. Irgendwann muss ich akzeptieren, dass jemand das eine eben nicht so gut kann wie etwas anderes. Das IST eben einfach so.

Ein Bekannter hat mal gesagt: „Guck dir doch mal an wie die Nerds rumlaufen, glaubst du wirklich du kannst einen Designer aus Ihnen machen?“ ;-)

Der Entwickler hat seinen Fokus auf dem Programmieren, und das ist doch auch gut so, denn das kann er, dafür ist er zuständig, und das macht er gerne. Designprobleme nimmt eben nicht jeder wahr. Ich kann mir wünschen, das solle anders sein, aber nur weil ich sage „Ich will das aber!“ werden meine Projekte nicht besser laufen.

Das fasst es ganz gut zusammen2 :

Ich wünsche mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Hinnehmen heißt aber nicht Nichts-Tun. Damit meine ich nicht, dass man einfach aufgibt – man muss eben einen anderen Weg finden. Vielleicht setze ich einen Designer neben den Entwickler oder was auch immer. Das wichtigste dabei für mich: Soll und Ist abgleichen so oft es geht und so oft es sinnvoll ist. Das kostet meine Zeit und deshalb kann ich auch keine 20 Projekte gleichzeitig machen. Aber lieber kostet es mich jetzt Zeit als am Ende meine und aller Leute Nerven, Geld und den Erfolg.

Am meisten regt es einen doch auf, wenn man merkt, dass man eine unbewusste Erwartung hatte, die sich nicht erfüllt hat. Egal ob am Ende eines Arbeitsprojekts oder bei privaten Dingen. Man ist sauer auf den anderen und denkt sich, wie konnte der andere nur so handeln! 

Dabei ist es doch oft einfach nur die eigene Erwartung, die Schuld daran hat, dass man verärgert ist.3 Man hat etwas erwartet, was der andere aus irgendeinem Grund nicht leisten konnte oder gar nicht auf die Idee kam, dass das erwartet wird. 

Erstaunlich eigentlich, dass es einem dann so schwer fällt seine eigenen Erwartungen öfter mal zu hinterfragen. Gut, evolutionär gesehen ist das schon verständlich: Es macht nicht viel Sinn, wenn ich jede Türklinke bewusst kontrolliere bevor ich sie anfasse…  Wenn das schon die Jäger und Sammler getan hätten, also natürlich nicht mit den Türklinken sondern bspw. mit jedem Kiesel auf den sie treten, dann wären sie wohl nicht zum Jagen gekommen und ausgestorben….

Andererseits: Wenn unter jede Türklinke Zahnpasta geschmiert ist, dann überrascht mich das doch bald auch nicht mehr. Dann passe ich meine Erwartungen an. Seltsamerweise klappt das zwischenmenschlich leider nicht so gut. Wenn man merkt, dass man jedem, den man näher kennen lernt, am Ende immer wieder die gleichen Vorwürfe macht – ist es dann nicht mal an der Zeit zu sehen, ob es vielleicht an den eigenen Erwartungen liegt? Tja – das muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber eigentlich wollte ich sagen: Das kann man doch wohl noch erwarten! ;-)

  1. Ich kann mich allerdings erinnern, wie ich es heute vermieden habe eine anzufassen: Im Biergarten, als ich vom Klo kam. Da wäscht man sich die Hände und greift danach an die Türklinke und nimmt sich alles mit, was die Nicht-Hände-Wäscher da gelassen haben… da kann man es auch gleich lassen :-) []
  2. in Anlehnung ans Gelassenheitsgebet  []
  3. Und ich meine hier nur impliziten unbewussten Erwartungen und nicht enttäuschtes Vertrauen oder gebrochene Versprechen, was natürlich auch enttäuschte Erwartungen sind – aber im Zweifel wohl gerechtfertigter… Naja – die Grenzen sind wie immer fließend… []