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Ich beiße mich gerade an den Worten fest, aber es macht grad Spaß diesen Gedanken hinterher zu rennen.

Gibt es die Dinge die ich bezeichne oder gibt es sie nicht. Wie im letzten Artikel dargestellt, gilt für mich beides – ich erfinde (oder übernehme) Bezeichnungen für Dinge damit ich sie für mich und andere überhaupt denken und benennen kann.

Aber wenn ich etwas „Baum“ nenne, dann ist das bei genauerer Betrachtung schon eine geradezu unverschämte Vereinfachung. Ein Baum existiert nur in der Welt.

 

Er ist ohne all das andere drumherum kaum denkbar. Ständig interagiert er mit den Dingen, nimmt Wasser in den Wurzeln auf, baut Zellen auf, gibt Stoffe über die Blätter ab, wächst, schrumpft, etc. Wo ist seine Grenze?

Würde ich alles – also wirklich alles – um den Baum herum weglassen, dann würde meine Bezeichnung innerhalb kürzester Zeit keinen Sinn mehr machen. Mal abgesehen davon, dass er im plötzlichen Vakuum wahrscheinlich in Millionen Stücke zerbersten würde, würde eine Bezeichnung „Baum“ auf lange Sicht für das tote Ding keinen Sinn mehr machen, wenn es nichts anderes zu Unterscheidung gäbe. Irgendwann wäre es nur noch „das Ding“ – zur Unterscheidung von allem Nicht-Ding-Sein.

Worte sind immer eine Entscheidung und eine Unterscheidung. Ich bezeichne das eine und schließe damit das andere aus. Im Konstruktivismus beziehen sich viele bei diesen Ausführungen auf die „Laws of Form“ von Spencer Brown.

Ich nehme einen Unterschied war und bezeichne ihn dann – hier ist einer:

 

 

Richtig – das ist nur ein leerer Raum zwischen zwei Absätzen. Die Unterscheidung besteht in dem was ich wahrnehme. Ich konzentriere mich auf den Bereich zwischen den Absätzen und nehme dadurch diesen Bereich wahr und kann ihn als „leeren Raum“ bezeichnen. Aber wo fängt der leere Raum an und wo hört er auf? Es ist meine Entscheidung – mag sie implizit durch meinen Wahrnehmungsapparat sein oder eine explizite bewusste Entscheidung.

Jetzt wird es kurz ein wenig formal aber glaubt mir es öffnet den Kopf :-)

Unterscheidung bedeutet auch immer eine Entscheidung welchem der unterschiedenen ich meine Beobachtung schenke. Entweder ich betrachte den leeren Raum oder ich betrachte den Text. Auch das ist eine Entscheidung.

Ein Beispiel: Ich sehe mir einen Baum an. Ich habe jetzt implizit eine Unterscheidung zwischen mir und dem Baum gemacht und wende mich dabei dem Baum zu. Aber ich kann mich bei dieser Unterscheidung auch mir selbst zu wenden und wahrnehmen wie ich bin in der Unterscheidung, wie ich den Baum wahrnehme. 

Bei Spencer Brown sieht eine Unterscheidung formal so aus.

Unbenannt

Das Zeichen hat zwei Balken. Der senkrechte Balken steht für die Unterscheidung. Es gibt jetzt zwei Seiten. Und nun wende ich mich mit dem Querbalken einer Seite zu. Das nennt er den markierten Bereich im Gegensatz zum unmarkierten Bereich. Seine formale Sprache ist hier sehr schön erklärt.

Was ist dadurch jetzt gewonnen?

Mir zeigt das Ganze, dass ich bei allen Dingen die ich irgendwie bezeichne, immer eine Seite ignoriere oder übersehe. Das merkt man oft ja auch, wenn man auf einmal mit der anderen Seite – bspw. der Meinung und den Einstellungen eines anderen konfrontiert wird. Mit dem Wissen darum ist man nicht davor gefeit, denn man KANN ja eben nicht anders. Man MUSS immer eine Seite bezeichnen und sich dieser Zuwenden, damit man überhaupt über etwas reden kann. Sich der einen oder der anderen Seite zuwenden kann man nur im Wechsel.

Ein ganz einfaches Beispiel das jeder kennt:

Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht...

Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und wenn ich dann den Wald bemerke, dann bemerke ich den Unterschied, den ich implizit gemacht habe und der mir gar nicht aufgefallen war.

Genauso ist es oft bei kulturellen Dingen. Wenn ein Deutscher ein paar Freunde fragt, ob man zusammen Essen geht, dann ist es normal das jeder für sich selbst zahlt. Das einer die ganze Rechnung übernimmt ist eher die Ausnahme. In anderen Ländern ist das oft anders. Das kann zu peinlichen Situationen führen, wenn der Deutsche nur für sich zahlt und der ausländische Freund kein Geld dabei hat….

unterscheidung_paying-the-german-way